Inhalt Kumulation Betrieb # 1 Borges & Co. Betrieb # 2 Literatur etc.

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Es findet eine fundamentale Kontextverschiebung statt, liest man einen Text nicht als Buch, sondern am Bildschirm, mit all den Optionen, die eine Digitalisierung mit sich bringt: Suchmaschinen, Ordnungsprogramme, Querverweise, synchrone Darstellung etc., das heißt: liest man den Text nicht mit den diachronischen Möglichkeiten eines Buches, sondern unter Verwendung der Möglichkeiten eines Computers. Das Rezeptionsverhalten - und damit der Text als Text im Kontext - verändert sich je nach der Art seiner Zugänglichkeit. Bei einer öffentlichen Dichterlesung zum Beispiel kann man den Autor ja auch nicht bitten, eine Stelle noch einmal zu wiederholen, weil man selbst sie nicht verstanden hat. Wechselt man dann nicht das Medium (vom Vortrag zur Lektüre), bleibt diese Unbestimmtheit in den Text eingeschrieben.

Die Bibliotheken, wie sie zur Verfügung stehen, sind zwar nicht unendlich, aber für den Leser unermeßlich; analog dazu ist auch das Internet: nicht unendlich, aber unermeßlich. Bei der Suche nach Quellen, Abhandlungen zu einem Problem etc. kommt man in einer Bibliothek zu anderen Ergebnissen, als bei der Suche im Internet - der potentiellen Universalbibliothek (den Stand der Digitalisierung schriftlicher Quellen einmal außer Acht gelassen) -, weil eben nach anderen Gesetzen selektiert wird. Der Philologe, der alle ihm zugänglichen Quellen und Schriften sichtet, ist ein Mythos, er könnte das garnicht leisten, selbst wenn er das wollte; es findet immer eine Selektion statt, deren Ergebnis die Rezeption eines Werkes bestimmt. Und die Selektionskriterien im www sind definitiv andere, ergo ist auch die Rezeption eine andere.